Was fängt man mit Mehl, Wasser und ein bisschen Geduld an? Judith Lehnhardt würde sagen: eine Menge. Die Hobbybäckerin und Brot-Influencerin aus Mittelhessen hat in ihrem ersten Buch „Brotbacken mit Herz“ nicht nur zehn bewährte Sauerteig-Rezepte gesammelt – sie erzählt auch, wie ein einfaches Handwerk ihr Leben verändert hat. Wir wollten mehr wissen.
Liebe Judith, dein erster Sauerteig war – wie du selbst schreibst – „alles andere als perfekt“. Erinnerst du dich noch an dieses allererste Brot? Wie war das Gefühl, als es endlich aus dem Ofen kam?
Ja, daran erinnere ich mich tatsächlich noch gut. Damals war ich unglaublich stolz. Für mich war dieses erste Brot etwas ganz Besonderes, obwohl ich heute darüber schmunzeln muss. Es war flach, ziemlich dicht und auch deutlich zu sauer. Aber das wusste ich damals natürlich noch nicht.
Ich hatte einfach Freude daran, etwas mit meinen eigenen Händen geschaffen zu haben. Rückblickend bin ich sogar dankbar, dass nicht alles sofort perfekt funktioniert hat. Gerade die vielen Fragen, die kleinen Rückschläge und das Ausprobieren haben mich motiviert, dranzubleiben. Dieses erste Brot war der Anfang einer Reise, von der ich damals noch überhaupt nicht ahnte, wohin sie mich einmal führen würde.
Aus einem vorsichtigen Ausprobieren ist innerhalb weniger Jahre eine echte Leidenschaft geworden. Wann hast du gemerkt: Das hier ist mehr als nur ein Hobby?
Das lässt sich gar nicht an einem einzigen Moment festmachen, sondern ist ganz langsam gewachsen.
Am Anfang wollte ich einfach lernen, gutes Brot zu backen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich abends regelrecht auf die Zeit in der Küche freue. Ich habe Bücher gelesen, Videos angeschaut, so manches ausprobiert und immer mehr gelernt.
Der eigentliche Wendepunkt kam aber, als ich angefangen habe, Backkurse zu geben. Zu sehen, wie Menschen in meinen Kursen ihr erstes Brot backen und plötzlich merken: Ich kann das ja wirklich!, erfüllt mich bis heute mit Freude und Dankbarkeit. Zu jenem Zeitpunkt habe ich verstanden, dass es längst nicht mehr nur um Brot ging. Gott hat mir eine Begabung geschenkt, die ich mit anderen teilen darf – und genau darin liegt für mich die größte Freude.
Du sagst, das Brotbacken habe dich ruhiger, geduldiger und weniger perfektionistisch gemacht. Wie hat ein Laib Brot es geschafft, auch andere Bereiche deines Lebens zu verändern?
Ich finde, Sauerteig ist ein wunderbarer Lehrmeister. Der Reifeprozess lässt sich nicht beschleunigen. Egal, wie sehr man sich das wünscht – er braucht seine Zeit.
Das hat mich anfangs manchmal herausgefordert. Heute merke ich, wie viel ich dadurch gelernt habe. Ich bin gelassener geworden und weiß inzwischen: Nicht alles muss sofort perfekt sein. Vieles darf wachsen.
Diese Erfahrung nehme ich auch mit in meinen Alltag als Frau und Mutter. Gerade wenn vieles gleichzeitig passiert, erinnert mich das Brotbacken daran, ruhig zu bleiben und Schritt für Schritt weiterzugehen. Und noch etwas habe ich gelernt: Ich muss nicht alles aus eigener Kraft schaffen. Ich darf Gott vertrauen, auch wenn ich noch nicht sehe, wohin mich der nächste Schritt führt.
Für dich ist das Brotbacken auch ein Weg, bei Gott anzukommen. Magst du uns einen Moment mit in deine Backstube nehmen – wann wird das Kneten und Warten für dich zu etwas Geistlichem?
Ich würde gar nicht sagen, dass jeder Moment in der Küche automatisch etwas Geistliches hat. Meistens backe ich einfach Brot. Ich konzentriere mich auf den Teig, auf die einzelnen Arbeitsschritte und genieße die Ruhe, die dabei entsteht.
Gerade nach einem vollen Tag tut mir diese Zeit unglaublich gut. Mein Kopf wird frei, ich komme zur Ruhe und kann den Alltag ein Stück weit hinter mir lassen.
Zwischen den Rezepten in deinem Buch stehen persönliche Impulse, Bibelverse und Gedanken. Gibt es einen Impuls, der dir besonders am Herzen liegt – und warum gerade dieser?
Wenn ich einen Gedanken auswählen müsste, dann wäre es dieser: Gott hat jedem Menschen Begabungen geschenkt.
Lange wusste ich selbst gar nicht, dass Brotbacken einmal so ein wichtiger Teil meines Lebens werden würde. Erst als ich den Mut hatte, etwas Neues auszuprobieren, habe ich diese Gabe entdeckt. Das hat meinen Blick verändert.
Deshalb wünsche ich mir, dass mein Buch bei den Leserinnen und Leser nicht nur die Lust aufs Brotbacken weckt, sondern sie auch dazu ermutigt, ihre eigenen Gaben zu entdecken. Und manchmal überrascht Gott uns genau dort, wo wir es am wenigsten erwarten.
Auf Instagram begeistern vor allem deine kunstvoll verzierten Brote. Wie bist du darauf gekommen, aus einem Laib Brot ein kleines Kunstwerk zu machen?
Am Anfang waren es tatsächlich Bilder im Internet, die mich inspiriert haben. Ich fand es faszinierend, dass Brot nicht nur gut schmecken, sondern auch wunderschön aussehen kann. Also habe ich selbst ein bisschen mit der Rasierklinge herumexperimentiert.
Heute finde ich die meisten Ideen draußen in der Natur. Blätter, Ähren oder feine Strukturen faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Je genauer ich hinschaue, desto mehr Schönheit entdecke ich in Gottes Schöpfung. Daraus entstehen viele meiner Brotmotive.
Ich werde oft gefragt, woher ich meine Inspiration nehme. Meine Antwort lautet dann immer: „Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen.“ Gott hat uns mit so viel Schönheit umgeben – ich wiederum versuche, ein klein wenig davon auf meinen Broten „einzufangen“.
Dein Buch richtet sich ausdrücklich auch an alle, die noch nie mit Sauerteig gearbeitet haben. Was möchtest du jemandem mitgeben, der sich bisher nicht so recht herangetraut hat?
Trau dich einfach! Ich erinnere mich noch gut daran, wie viele Fragen ich anfangs hatte. Mein erstes Brot war alles andere als perfekt, und ich brauchte einige Monate, bis ich „das Prinzip Sauerteig“ wirklich verstanden habe.
Deshalb möchte ich jedem die Angst nehmen. Das Backen mit Sauerteig ist keine Wissenschaft, es braucht lediglich etwas Geduld und Übung. Man muss das Prinzip verstehen und vor allem bereit sein, dranzubleiben.
Stell dir vor, jemand backt mithilfe deines Buchs das erste eigene Brot und nimmt sich dann einen Moment Zeit, um es zu genießen. Was wünschst du dir, dass dieser Mensch dabei spürt – am Küchentisch und vielleicht auch im Herzen?
Zuerst einmal, dass derjenige stolz auf sich ist. Brotbacken mit Sauerteig kann anfangs ein wenig kompliziert erscheinen. Wenn dann das erste eigene Brot gelingt, darf man sich ruhig darüber freuen.
Außerdem wünsche ich mir, dass Brot wieder zu etwas Besonderem wird. Wir leben in einer Zeit, in der uns vieles selbstverständlich erscheint. Ein selbst gebackenes Brot erinnert uns daran, wie viel Zeit, Geduld und Liebe in etwas so Einfachem stecken können.
Und wenn dieses Brot dann mit der Familie oder mit Freunden geteilt wird, wäre das für mich das Allerschönste! Brot bringt Menschen an einen Tisch. Genau das habe ich schon bei meiner Oma erlebt, und genau das wünsche ich mir auch für die Menschen, die mit diesem Buch backen.
Vielen Dank für den Einblick und das Gespräch.
© 2026 Gerth Medien