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INFOS
Interview mit Déborah Rosenkranz

Die Wahrheit wird dich frei machen

Wer Déborah Rosenkranz begegnet, kann sich kaum vorstellen, dass diese Frau schon viel Schlimmes erlebt hat. Im Interview erzählt sie von ihrer Erfahrung mit sexuellem Missbrauch und gibt Rat zum Umgang.

(c) Marc Gilgen

Déborah, du hast vor einigen Jahren sexuellen Missbrauch erlebt. Wie bist du damit umgegangen?
Ich war in einer wirklich heilen Welt aufgewachsen und hatte noch nicht einmal eine Ahnung von K.o.-Tropfen. Dass mir mein damaliger Freund diese in mein Getränk kippen würde, um sich das zu nehmen, was ich mir so kostbar aufbewahrt hatte, damit hätte ich niemals gerechnet. Ich erinnere mich nur noch an das Aufwachen. Das Blut. Die Leere. Die Scham und den Dreck. Ich duschte stundenlang, doch es half nichts. Ein Teil von mir starb in dieser Nacht. Selbst meine Freundin, zu der ich flüchtete, war überfordert. Das war mein großer Schmerz – ausgenutzt worden zu sein und kein Verständnis zu finden. Keine Antwort, keine Hilfe. Somit fiel ich erst einmal in ein sehr tiefes Loch der Scham und Angst vor Verurteilung.

Hast du mit anderen darüber gesprochen?
Bis auf diese Freundin habe ich mit niemandem darüber gesprochen. Ein paar Monate später hat mein 15-jähriger Bruder etwas gespürt. Wir haben zusammen geweint. Die typische Reaktion eines jüngeren Bruders war: „Ich schlag ihn zusammen! Ich mach ihn fertig!“ Aber er musste mir versprechen, dass er mit niemandem darüber spricht. Das war ein Tabu in unseren christlichen Kreisen.
Zu Ostern bin ich in einen Gottesdienst gegangen und der Pastor sprach von Jesus, der alle Sünden vergibt und den Dreck unseres Lebens reinwaschen kann. Oh, wie sehr ich das wollte! Natürlich war es nicht meine Schuld, und trotzdem hatte ich immer das Gefühl. Ich habe es noch mal hören müssen, dass Jesus jeden liebt und jeden heil machen kann. Das war ein starker Moment, in dem ich wirklich Liebe von innen heraus erfahren habe. Aber ich musste mich entscheiden, mich immer wieder in die Gemeinde zu bewegen und die Bibel aufzuschlagen, obwohl alles in mir geschrien hat: „Du hast das nicht verdient. Du hast es für immer vermasselt!“ Es war ein Kampf gegen diese innere Stimme. Aber ich durfte heil werden. Heute sehe ich mich nicht mehr als zerbrochen, sondern als wertvoll an.

Wo fängt für dich Missbrauch an?
Missbrauch beginnt da, wo dir etwas angetan wird, das deine Grenzen überschreitet. Wichtig ist, rechtzeitig „Stopp!“ zu rufen. Mit Berührungen bin ich heute sehr vorsichtig und sage früher Nein. Nicht jede sexuelle Gewalt ist strafbar, aber jede sexuelle Gewalt verletzt, deswegen muss frühzeitig eingegriffen werden! Ich erlebe, dass Missbrauch oft bei Menschen passiert, die einen geringen Selbstwert haben. So wie ich damals.

Gibt es Verhaltensweisen von Opfern, die den Tätern den Missbrauch erleichtern?
Ja, gibt es. Den missbrauchten Frauen, mit denen ich spreche, ist es oft mehrfach passiert. Tatsächlich verändert sich etwas an deiner Ausstrahlung, wenn einmal etwas in dir zerbrochen ist. Du kannst keine Hoffnung und kein Selbstbewusstsein mehr ausstrahlen. Das sehen Männer. Du trägst eine Opferrolle.
Immer wieder schreiben mir Frauen: „Er hat mich einmal geschlagen. Das wird ja nicht so schlimm sein.“ Doch! Dein Körper muss geschützt werden. Raus aus dieser Beziehung! Dieser Mann muss selbst erst mal heil werden. Aber im Moment musst du da raus, weil du nicht stark genug bist, es langfristig durchzustehen, bis er so weit ist.

Die körperliche Gewalt ist nur ein Aspekt. Manchmal passieren Übergriffe ganz anders …
Das stimmt. Ich bin ja viel auf großen Events, wo ich sehe, wie Frauen sich betrinken. Schöne Frauen, die viel erreicht haben im Leben, aber ihre Sehnsucht nach Liebe, nach einem Mann in ihrem Leben, wurde nicht gestillt. Unter dem Alkoholeinfluss spüren sie das stärker und tun Dinge, die sie später bereuen. Und für Männer ist es dann ein leichtes Spiel. Deswegen muss man Grenzen setzen und Verantwortung für sich übernehmen – auch bei solchen Anlässen. Ich entscheide mich dann, nur ein Glas zu trinken und danach ist Schluss. Diese Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist ganz wichtig.

Du bist oft in Schulen unterwegs, um dort von deinen Erfahrungen zu erzählen. Welche Reaktionen erlebst du?
Die Reaktionen in Schulen haben sich über die letzten fünf Jahre drastisch verändert. Früher bin ich in Schulen gegangen und alle fanden meinen Vortrag interessant. Heute vergehen keine zehn Minuten und die ersten Tränen fließen. Nicht nur von Mädchen. Oft sind es Jungs, die mir weinend sagen: „Ich weiß nicht, was ich wert bin.“ Viele berichten von häuslichem Missbrauch. Die Betroffenen werden immer jünger. Elfjährige sagen: „Ich bin missbraucht worden, aber ich kann mit meinen Eltern nicht darüber sprechen. Die streiten sich die ganze Zeit.“
Eltern sind oft überfordert heutzutage, und Kinder spüren das. Die Kinder öffnen sich unfassbar vor mir, weil ich mich auch geöffnet habe. Oft sage ich: „Ich bleibe noch eine Stunde länger da!“ und dann bin ich drei Stunden länger in der Schule, weil sie Schlange stehen. Sexueller Missbrauch ist ein immer größeres Thema. Am liebsten würde ich die Augen davor verschließen, weil es einen überrollt, aber es werden mehr und mehr. Umso lauter müssen wir die Wahrheit verkünden: Es gibt einen Ausweg, es gibt Befreiung, es gibt Liebe!

Wie reagierst du, wenn die Schüler dir ihre Geschichten erzählen?
Was ich habe und geben kann, ist Liebe für die Menschen. Ich habe meine Erfahrung und das Erlebnis, dass ich schon mehrfach zerbrochen war. Ich habe erlebt, was Gott kann. Und ich, Déborah, muss nicht alles können. Ich darf Menschen an die Hand nehmen und zeigen, wie mir mein Glaube Kraft geschenkt hat. Wie Jesus auch heute real ist und helfen und heilen möchte. Das ist das Heilsamste, das ich anbieten kann. Dann kann ich Menschen auf diesem Weg begleiten. Ich erlebe manche Mädchen, die von Auftritt zu Auftritt kommen und jedes Mal ein bisschen stärker werden. Ich habe ein Mädchen vor Augen, das ein Missbrauchsopfer war und dadurch eine Magersucht entwickelt hatte. Das ist ungefähr vier Jahre her. Sie ist komplett geheilt. Sie hat den Mann angezeigt, was ein großer Schritt war. Sie hat die Klage gewonnen und Geld bekommen. Sie hat etwas erreicht, und jetzt strahlt sie. Sie sagt heute: „Vor vier Jahren hätte ich das niemals gedacht.“ Es lohnt sich, den Weg mitzugehen.

Welchen Rat gibst du Betroffenen?
Wenn du sexuell missbraucht worden bist, ist das Wichtigste, darüber zu sprechen. Wenn man versucht, allein damit fertigzuwerden, redet man sich schnell diese Lügen ein: „Wahrscheinlich habe ich es provoziert. Ich hätte es verhindern können. War mein Rock zu kurz?“ All diese dummen Gedanken. Egal, was war – du musst darüber reden und dir auch professionelle Hilfe holen, um frei zu werden. Du musst jemanden haben, der dir zuhört, der dich an die Hand nimmt. Für mich ist Johannes 8,32 sehr wichtig geworden: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Die Lüge wird dir einreden, dass dein Leben für immer ruiniert ist. Du musst die Wahrheit in dein Leben lassen, um heil zu werden.

Wie können sich Frauen auf klare, aber respektvolle Weise wehren, wenn sie in eine schwierige Situation kommen?
Bevor eine solche Situation überhaupt entsteht, solltest du dir ein gesundes Umfeld schaffen, das dich im Blick hat. Gerade wenn du weißt, dass du mit Selbstzweifeln zu kämpfen hast, lass dich immer wieder von Freunden daran erinnern, wie wertvoll du bist. Das mache ich bis heute.
In einer brenzligen Situation spürt man Gefahr, wenn man seine Fühler ausgestreckt hat. Deshalb müssen wir uns darauf vorbereiten und unseren Wert aus der Bibel beziehen: Was sagt Gott eigentlich über mich? Denn dann merke ich sehr schnell: Hier stimmt was nicht. Ich sollte den Raum verlassen. Man bekommt ein Gefühl dafür. Heute habe ich sehr sensible Fühler und schütze nicht nur mich selbst, sondern auch andere, denen etwas passieren könnte. Das habe ich gelernt: Egal, in welcher Situation – sobald ich ein komisches Gefühl habe und mich unwohl fühle, gehe ich innerlich einen Schritt zurück, um zu hinterfragen: Was passiert hier gerade? Aber auch, um Gott Raum zu geben und ihn zu fragen: „Kannst du mir sagen, was ich machen soll? Ist das okay oder nicht?“ Ich sage immer: „Lieber zu früh wegrennen, als zu lange dableiben.“

Wenn beispielsweise ein Mann mit dir flirtet und aufdringlich wird – wie reagierst du?
Ein abwehrendes Handzeichen ist sehr wertvoll. Man kommt sich vielleicht dumm dabei vor, aber es zeigt: „Ich respektiere meinen Körper und ich will nicht, dass du näherkommst.“ Wenn er sich davon nicht abhalten lässt, muss man sich wehren. Ich empfehle jeder Frau, einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Das klingt für viele übertrieben, aber wenn du nur einmal in deinem Leben in so eine Situation kommst, musst du bereit sein. Du solltest dir bewusst sein, dass ein körperlicher Übergriff auch dir passieren kann. Schützt du dich dann? Und könntest du körperlich eingreifen, wenn es sein muss? Ich musste das einmal tun, um eine andere Person zu beschützen. Und ich habe gestaunt: Dadurch, dass ich wusste, wie die Griffe gehen, lag der Mann schnell am Boden und wir konnten wegrennen.

Was kann ich tun, wenn ich den Verdacht habe, dass jemand, den ich kenne, von Missbrauch betroffen ist?
Erst mal Vertrauen aufbauen, das Gespräch suchen und zeigen: „Du bist mir etwas wert. Ich möchte dir helfen.“ Und dann warten, bis die Person sich öffnet. Das ist ganz wichtig. Es tut gut zu reden. Leider ist es so, dass sich viele Mädchen erst Monate später trauen, zur Polizei gehen. Dort wird ihnen dann oft nicht geglaubt. Dann ist es wichtig, dass sie Freunde haben, die sagen: „Ich glaube dir!“ Dieser Satz ist ganz wichtig, denn sie glauben es selbst irgendwann nicht mehr.

Was möchtest du damit erreichen, dass du jetzt offen von dem erzählst, was du vor Jahren erlebt hast?
Ich spreche nicht über das Thema, um zu zeigen, wie schrecklich es war, sondern wie schön es ist, frei zu werden. Ich beobachte viele Frauen, aber auch Männer, die sich von diesem einen schrecklichen Moment ein Leben lang ausbremsen lassen. Und das ist es nicht wert! Gott hat in jedem etwas Wertvolles gelegt. Ich möchte sehen, wie das wieder zum Vorschein kommt und die Person wieder zu strahlen beginnt. Jede Betroffene kann ihre Stimme erheben, wenn sie es verarbeitet hat und erlebt hat, was Gott tun kann. Dann kann auch sie weitergeben: „Du bist nicht das, was dir passiert ist, weil du etwas wert bist!“

Mehr zu diesem Thema schreibt Déborah Rosenkranz in ihrem Buch Sei es dir wert







© 2020
Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift LYDIA.
Das Interview  führte Deborah Pulverich.

 

 

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